Daniel Graf

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Ritalin-Boom und Clickbait-Journalismus

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«RITALIN-BOOM» – wieder ein Beispiel für Clickbait-Journalismus: Das differenzierte Interview mit Michael von Rhein, Mitglied der Expertengruppe ADHS des Bundes, wird auf Tages-Anzeiger-Online mit einer verzerrenden Schlagzeile garniert: «ADHS-Experte über Schulen und Ritalin-Boom: ‘Ganz klar eine Fehlentwicklung’».

Der Titel suggeriert, der ADHS-Experte bezeichne die stark wachsende Verschreibung von Medikamenten pauschal als Fehlentwicklung. Dabei differenziert der Arzt von Rhein klar: Für schwer betroffene Menschen seien ADHS-Medikamente «ein grosser Segen». Seine Kritik richtet sich gegen Medikamentenvergabe bei weniger schweren Fällen – wobei die Schule auch eine Rolle spiele.

Aus meinen Erfahrungen, lassen sich Eltern betroffener Kinder oft von genau solchen Schlagzeilen verunsichern und entscheiden selbst dort gegen Medikamente oder warten viel zu lange damit, wo diese grosse Unterstützung bieten würden – aus Angst, dem Kind zu schaden.

Solche Überschriften, die durch ständige Wiederholung im kollektiven Gedächtnis haften bleiben, sind zudem Wasser auf die Mühlen von Parteien, die die Abschaffung der integrativen Schule und härtere Sanktionen gegen «schwierige» Schüler fordern. Das Problem sind plötzlich nicht mehr die psychiatrische Versorgungskrise und begleitende Therapieangebote, sondern die Schule!

Wie FDP-Präsident Thierry Burkart im Tagesanzeiger-Interview (20. Juni 2024) ausführte: «Die hohe Anzahl Fachpersonen bringt Unruhe in die Klassenzimmer. Und die vielen Abklärungen und Therapien führen zu einer Pathologisierung der Kinder.»

Was lernen wir daraus? Clickbait-Journalismus verstärkt die Polarisierung – auch in der ADHS-Diskussion. Betroffene fühlen sich noch stärker stigmatisiert, berechtigte Diskussionen über Medikamente werden mit pauschaler Kritik vermischt. So entsteht eine toxische Debatte, die Grabenkämpfe anheizt, statt zur sachlichen Diskussion beizutragen – auf Kosten neurodivergenter Kinder, Jugendlicher und Eltern, die nie oder viel zu spät notwenige Unterstützung erhalten.

Disclaimer: Ich habe mit 51 Jahren, zeitgleich mit meinem Sohn, eine ADHS-Diagnose erhalten und nehme täglich Medikamente. Eine Erleichterung, die mir hilft, Dinge anzugehen, die sonst sehr schwierig für mich wären.

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