«Ein Trickster von grosser Herzensgüte»: Nachruf auf Rudi Gradnitzer

Rudi Gradnitzer, der das Kinder-Café Lolligo und den Verlag bahoe books mitgegründet hat, und dessen nachhaltige Sichtbarkeit in der Stadt Wien vor allem seiner ernsthaften Liebe zum Plakatieren geschuldet ist, ist Ende April 2025 verstorben. Walter Famler, Generalsekretär der Alten Schmiede und Wegbegleiter von Rudi, hat im Magazin «Augustin» (621, 25.08.2025) einen persönlichen Nachruf geschrieben.
👉🏼 English translation below
In den ersten Wintertagen 1975 wehte ein kalter Wind durch die Wiener Neustädter Prärie. Vereiste Strassen und Schneeverwehungen verursachten folgenschwere Verkehrsunfälle auf der berüchtigten Neunkirchner Allee, einer auch in klaren Sommernächten als gefährlich verrufenen Todesstrecke. Am 3. Dezember dieses Jahres, die orbitale Apollo-Sojus-Mission sorgte immer noch für Stammtischdebatten, blinzelte der etwas untergewichtige Rudi Gradnitzer im niederösterreichischen Flachland des Wiener Beckens in jahreszeitlich abgedunkeltes Weltlicht und begrüsste seine Eltern mit heftigem Schreien.
Vater Gradnitzer, ein Forstangestellter Kärntner Herkunft, konnte den frühkindlichen Wissensdurst seines Sohnes beruflicher Abwesenheiten bedingt weniger löschen als die Mutter, die als Hausfrau dafür sorgte, dass die ältere Schwester und Rudi Grund- und Mittelschullaufbahn, beim Sohn begleitet durch ständige Betragensbeanstandungen seitens einer grossteils konservativ-klerikalen Lehrerschaft, relativ ungeschoren durchliefen und schliesslich Rudi die Reifeprüfung in der HTL Wiener Neustadt absolvierte.
Wie viele Prärieindianer mutierte Rudi nach der Matura zum Stadtindianer, indem er zur Tarnung sich an der Wiener Wirtschaftsuniversität im Fach Volkswirtschaft inskribierte, um klandestin seiner eigentlichen Berufung nachzugehen: dem Kampf für eine freiere Gesellschaft. Rudi tat dies – er hatte seinen Bakunin und auch Marx gelesen – nicht nur aus theoretischen Motiven, direkter Erfahrung mit den Ausbeutungsmechanismen einer kapitalistisch-faschistoiden Konsumgesellschaft und dem Mitgefühl für die durch diese Ausgebeuteten, sondern auch aus dem Gefühl, dass ein dunkler Schatten auf seiner Herkunft läge.
Von Kärnten bis zum Schwedenplatz
Bald war Rudi die Wiener Anarcho-Szene zu träge und schon bereit zum Sprung nach Berlin, da eröffnete ihm seine Lieblingssquaw Bettina, dass sie ein Kind von ihm unter ihrem Herzen trüge. Nach der Geburt von Tochter Jara bauten sich die beiden nun einen geräumigen Wigwam in der Innenstadt und Rudi verband fortan häusliche Pflicht mit politischem Aktivismus. Gemeinsam mit seinem Blutsbruder Leo widmete er sich der Schwarzen Kunst und begann, sich mit der Technik des Buchdruckes zu beschäftigen.
Erste Broschüren und Plakate entstanden in der Werkstatt eines kommunistischen Druckers, und als dieser das Handtuch warf, überliess er Leo und Rudi seine Maschinen. Nachdem sie diese ins Ernst-Kirchweger-Haus transferiert hatten und dort ihre Druck- und Verlagspraxis allmählich kommerziellere Züge annahm, sahen sich die beiden Jungverleger bald dem Vorwurf des Verrats an der Revolution durch Anpassung an kapitistische Methoden ausgesetzt.
Kurzerhand überliessen sie die Druckmaschinen den Anarcho-Punks im Kirchweger-Haus, wo sie seither verrosten, und übersiedelten mit bahoe books in das vormalige Kinder-Café Lolligo in der Fischerstiege, welches Rudi mit einigen anderen nachwuchsfreudigen Genossinnen und Genossen nach Geburt seines Sohnes Lajos ins Leben gerufen hatte, um seine Kinder von allzu kleinbürgerlicher Sozialisation abzuschirmen, und das gleichzeitig als klandestiner Szenetreffpunkt diente.

Noch bevor im Frühjahr 2016 das erste professionelle bahoe-Verlagsprogramm mit Jan Valtins Tagebuch der Hölle und einer Reihe politischer Comics für Aufmerksamkeit in der Buchbranche sorgte, vollendete Rudi seine Dissertation, die in der Folge als Buch bei bahoe unter dem Titel Schwedenplatz – Das Flachdach unter den Wiener Plätzen erschien. An zahlreichen nach Bombenschäden nach 1945 entstandenen Gebäuden weist Rudi in diesem Buch, das sein eigentliches intellektuelles Vermächtnis darstellt, das Erbe nationalsozialistischer Planung und die bruchlose Fortsetzung von belasteten Architektenkarrieren im Nachkriegsösterreich aus.
Die Beschäftigung mit dem nationalsozialistischen Erbe in der Architektur löste auch die Blockade zur Beschäftigung mit den dunklen Schatten seiner Herkunft. Er beschaffte sich die Krankenakte seines Grossvaters, der 1942 im Rahmen des NS-Euthanasieprogrammes im Landeskrankenhaus Klagenfurt ermordet wurde. Über diese Akte recherchierte Rudi seine Familiengeschichte und stellte das Ergebnis seiner Nachforschungen in anonymisierter Form dem Arzt Sebastian Nehring zur Verfügung, der es in seiner Diplomarbeit mit dem Titel «Pflegling» der Kärntner NS-Psychiatrie – eine Fallstudie verarbeitet hat.
Camouflage und Schmalspur-Aktionismus
Rudi war ein Trickster von grosser Herzensgüte. Er liebte es, sich zu camouflieren, stellte sich gerne mit falschen Namen vor und betrieb eine Art Schmalspur-Aktionismus. Als einmal einer Genossin beim Polizeiverhör die Fotos der «12 gefährlichsten Anarchisten Wiens» vorgelegt wurden, erkannte sie elf, ohne deren Namen preiszugeben. Der Zwölfte schnitt eine derartige Grimasse, dass sie ihn nicht erkennen konnte – es war Rudi.
Während politischer Debatten im Verlagsbüro begann Rudi Plakate zu rollen und in seinen Köcher einzuordnen, rührte nach einer streng geheimen Rezeptur seinen Spezialkleister an und verschwand, den Kübel am Kindersitz montiert, auf seinem 60er-Jahre Damen-KTM-Rad mit Torpedo-Drei-Gang, die Malerbürste am Gürtel, in den nächtlichen Strassen Wiens. In der Morgensonne leuchtete dann die Stadt voller bahoe-Plakate. Auch das Plakat «Freiheit für Julian Hessenthaler», das es sogar auf die Titelseite von Der Standard gebracht hat, stammte aus Rudis Köcher.
Am 29. April ist Chief Red Star Rudi, wie ihn die Komantschen nannten, alias Häuptling Flinkes Pedal, wie er unter niederösterreichischen Prärieindianern hiess, mit Manitous Segen auf seinem blauen Rad in die Ewigen Jagdgründe eingefahren. Das Geheimrezept für seinen Spezialkleister hat er mitgenommen. Und während seine Plakate im Wiener Stadtraum langsam verblassen und wir um ihn trauern, leuchten sie dort wieder auf.
Der Nachruf von Walter Famler erschien in Magazin «Augustin» (621, 25.08.2025).

“A Trickster with a Big Heart” – Rudi Gradnitzer (1975-2025)
Rudi Gradnitzer, who co-founded the children’s café Lolligo and the publishing house bahoe books, and whose lasting mark on Vienna came mainly from his serious love of wheat-pasting posters, passed away at the end of April 2025. Walter Famler, Secretary General of the Alte Schmiede and Rudi’s longtime friend, wrote a personal obituary in “Augustin” magazine (621, 08/25/2025).
In the early winter days of 1975, a cold wind swept across the Wiener Neustadt prairie. Icy roads and snowdrifts caused serious accidents on the notorious Neunkirchner Allee, a deadly stretch feared even on clear summer nights. On December 3rd of that year, while the orbital Apollo-Soyuz mission was still fueling bar debates, the slightly underweight Rudi Gradnitzer blinked into the seasonally dimmed world light in the Lower Austrian flatlands of the Vienna Basin, greeting his parents with fierce crying.
Father Gradnitzer, a forestry worker from Carinthia, couldn’t satisfy his son’s early thirst for knowledge as much as the mother—his job kept him away too often. As a housewife, she made sure that the older sister and Rudi made it through elementary and high school relatively unscathed, though Rudi’s journey was peppered with constant complaints about his behavior from the mostly conservative-clerical teachers. Eventually, Rudi graduated from the technical high school in Wiener Neustadt.
Like many prairie rebels, Rudi transformed after graduation into an urban rebel. As cover, he enrolled at Vienna’s University of Economics to study economics, while secretly pursuing his real calling: fighting for a freer society. Rudi did this—he’d read his Bakunin and Marx—not just from theoretical conviction or direct experience with the exploitation mechanisms of a capitalist-fascist consumer society and compassion for those crushed by it, but also from a sense that a dark shadow hung over his own origins.
From Carinthia to Schwedenplatz
Soon Vienna’s anarcho-scene felt too sluggish for Rudi. He was ready to jump to Berlin when his girlfriend Bettina told him she was pregnant. After daughter Jara was born, they set up a cozy home in the inner city, and Rudi started combining domestic life with political activism. Together with his brother-in-arms Leo, he dove into the Black Arts—learning the craft of book printing.
Their first brochures and posters emerged from a communist printer’s workshop. When that printer gave up, he left Leo and Rudi his machines. After moving them to the Ernst Kirchweger House, where their printing and publishing practice gradually became more commercial, the two young publishers soon faced accusations of betraying the revolution by adapting to capitalist methods.
They promptly left the printing presses to the anarcho-punks in the Kirchweger House (where they still rust today) and moved bahoe books to the former children’s café Lolligo on Fischerstiege. Rudi had created this space with other like-minded parents after his son Lajos was born, wanting to shield their kids from overly bourgeois socialization while also serving as an underground meeting spot for the scene.
Before bahoe’s first professional catalog grabbed the book world’s attention in spring 2016 with Jan Valtin’s “Diary of Hell” and a series of political comics, Rudi finished his dissertation. It was later published by bahoe as “Schwedenplatz – The Flat Roof Among Vienna’s Squares.” In this book—his true intellectual legacy—Rudi exposes how numerous buildings erected after 1945 bomb damage carry the heritage of Nazi planning and show the seamless continuation of compromised architectural careers in postwar Austria.
Working through the Nazi legacy in architecture also unlocked his ability to confront the dark shadows in his own family. He obtained the medical records of his grandfather, murdered in 1942 in the Nazi euthanasia program at Klagenfurt State Hospital. Through these records, Rudi researched his family history and shared his anonymized findings with physician Sebastian Nehring, who used them in his thesis “‘Patient’ of Carinthian Nazi Psychiatry – A Case Study.”
Camouflage and Guerrilla Activism
Rudi was a trickster with a huge heart. He loved disguises, introduced himself with fake names, and practiced his own brand of guerrilla activism. Once, when a comrade was shown photos during police interrogation of the “12 most dangerous anarchists in Vienna,” she recognized eleven without giving up their names. The twelfth was making such a face she couldn’t recognize him—it was Rudi.
During political debates in the publishing office, Rudi would start rolling posters and arranging them in his quiver, mix his special wheat paste according to a top-secret recipe, and disappear into Vienna’s night streets—bucket mounted on the child seat of his 1960s ladies’ KTM bike with three-speed Torpedo gears, paint brush on his belt. Come morning, the city would glow with bahoe posters. Even the poster “Freedom for Julian Hessenthaler,” which made the front page of Der Standard, came from Rudi’s quiver.
On April 29th, Chief Red Star Rudi, as the Comanches called him, or Chief Swift Pedal, as he was known among Lower Austrian prairie rebels, rode his blue bike with Manitou’s blessing into the Eternal Hunting Grounds. He took his secret wheat paste recipe with him. And while his posters slowly fade from Vienna’s streets and we grieve for him, they’re lighting up again over there.
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